Pflege kann mehr

Beruf mit Zukunft

Pflege ist anspruchsvoll, hochtechnisiert und vor allem vielfältiger, als viele denken. Petra Krause möchte deshalb mit alten Bildern aufräumen – und zeigen, welche beruflichen Perspektiven sich in Bielefeld eröffnen. „Keine Gesellschaft wird jemals ohne Pflege auskommen“, sagt die Pflegedirektorin des Evangelischen Klinikums Bethel und des Krankenhauses Mara. Für sie ist klar: Wer sich für Pflege entscheidet, entscheidet sich für einen Beruf mit Zukunft.

Petra Krause, Pflegedirektorin von Bethel

Wenn Petra Krause über Pflege spricht, geht es um Karrierewege und Kompetenzen, um Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, um Menschlichkeit und Haltung. Und immer wieder um die Frage, wie Pflege eigentlich wahrgenommen wird. Noch immer wird der Beruf häufig auf „Waschen und Aufrichten im Bett“ reduziert. Ein Bild, das mit der Realität wenig zu tun hat. Pflegekräfte arbeiten auf Intensivstationen mit hochkomplexer Technik, begleiten Menschen in der Psychiatrie, versorgen Patient im Krankenhaus oder sind in der ambulanten Pflege unterwegs. Sie können sich spezialisieren, weiterbilden, studieren und Verantwortung übernehmen. „Wir müssen die Vielfältigkeit der Pflege darstellen und rauskommen aus diesen Narrativen“, betont Petra Krause. „Wir wollen Vorbilder, die Entwicklungsmöglichkeiten zeigen und zeigen, dass es eine sinnstiftende Tätigkeit ist, die sehr erfüllt im Miteinander.“

Ein Beruf mit vielen Wegen

Petra Krause weiß, wovon sie spricht. Seit 45 Jahren ist sie Krankenschwester. Ihr Weg begann mit einem Praktikum in der Psychiatrie. Danach arbeitete sie als Pflegehelferin im Krankenhaus Mara und begann 1984 ihre Ausbildung an der damaligen Pflegeschule in Bethel. Heute leitet sie die Pflegedirektion des Evangelischen Klinikums Bethel (EvKB) und des Krankenhauses Mara und steht zugleich an der Spitze der Gesundheitsakademie des Betheler Klinikums.

Pflege und Ausbildung bezeichnet sie selbst als ihr „Steckenpferd“. Ihr geht es darum, Menschen für den Beruf zu gewinnen – aber genauso darum, Perspektiven zu eröffnen, wenn sie längst darin arbeiten. Spezialisierte Weiterbildungen gehören ebenso dazu wie akademische Wege und die Frage, welche Aufgaben Pflegefachpersonen künftig eigenständig übernehmen können. Gerade dafür bietet Bielefeld aus ihrer Sicht gute Voraussetzungen. Große Träger wie die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel und das Ev. Johanneswerk treffen auf Universität, Hochschule Bielefeld (HSBI), Hochschule der Diakonie und Medizinische Fakultät OWL der Universität Bielefeld. „Pflege bietet in Bielefeld eine echte Perspektive“, unterstreicht Petra Krause.

Dazu gehört, die Entwicklungsmöglichkeiten sichtbarer zu machen und jungen Menschen einen Zugang zum Beruf zu eröffnen. Denn wer Pflege nicht aus der eigenen Familie kennt, begegnet häufig negativen Schlagzeilen: Schichtdienst, hohe Belastung, zu wenig Personal. Wer neugierig ist, dem empfiehlt Petra Krause deshalb einen praktischen ersten Schritt: „Einfach reinschnuppern – zum Beispiel über ein Betheljahr oder ein Praktikum.“

Auch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verändern das Berufsbild. Für Petra Krause braucht es deshalb Pflegekräfte, die offen und flexibel sind, Neues ausprobieren und zugleich kritisch damit umgehen. Digitale Kompetenz muss bereits in der Ausbildung und in Weiterbildungen eine Rolle spielen. KI kann beispielsweise bei administrativen Aufgaben oder durch Spracherkennung unterstützen. Eine Grenze zieht Petra Krause jedoch klar: „KI wird niemals Beziehung oder Empathie ersetzen können“, betont sie. Denn bei allen technischen Möglichkeiten bleibt Pflege individuell.

Mehr können, mehr dürfen

Pflegefachpersonen sollen ihre Kompetenzen stärker einsetzen können. „Warum müssen Ärzte und Ärztinnen ein Rezept für Inkontinenzmaterial ausstellen, wenn eine erfahrene Pflegefachkraft sehr genau beurteilen kann, was ein Mensch benötigt?“, nennt Petra Krause ein Beispiel aus der ambulanten Versorgung. Solche Fragen berühren das Selbstverständnis eines Berufs, dessen Ausbildung anspruchsvoll ist: 2.100 Stunden Theorie und 2.500 Stunden Praxis gehören dazu. Hinzu kommen Möglichkeiten zur Spezialisierung und zum Studium. „Pflege ist eine eigenständige Profession, die Anerkennung verdient“, betont Petra Krause. Dass Pflege künftig noch wichtiger wird, steht für sie außer Frage. Der demografische Wandel trifft auf technologische Veränderungen und gesellschaftliche Herausforderungen wie Einsamkeit. Gleichzeitig möchten Menschen möglichst lange selbstbestimmt leben und gut versorgt werden, wenn sie Unterstützung benötigen.

Pflege gehört mitten in die Stadt

Wie sich die Bielefelderinnen und Bielefelder ihre Pflege der Zukunft vorstellen, war bereits Thema der Initiative „Zukunftsbild Pflege“. Viele der damals angesprochenen Punkte beschäftigen Petra Krause nach wie vor: Zeit, Gemeinschaft, Angebote im Quartier und das Zusammenspiel von Pflegefachpersonen, Angehörigen und den verschiedenen Akteur in der Stadt. „Die Erkenntnisse sind nicht neu. Die Frage ist doch nur: Wie kommen wir auch in die Handlung?“, sagt Petra Krause. Sie wünscht sich, dass Pflege nicht erst dann zum Thema wird, wenn Menschen selbst darauf angewiesen sind. „Jede und jeder braucht in seinem Leben irgendwann mal Pflege. Ob es im Krankenhaus ist, im Alter oder nach einem Unfall.“ Dabei geht es nicht allein um ältere Menschen. Auch Eltern pflegen Kinder, Jugendliche oder erwachsene Angehörige mit Behinderung und richten mitunter ihr gesamtes Leben danach aus.

Manchmal beginnen Verbesserungen im Kleinen. Ein Beispiel aus Bielefeld: Wer über einen fest zugeordneten Parkplatz verfügt, kann diesen für ambulante Pflegedienste freigeben. So verlieren deren Mitarbeitenden weniger Zeit mit der Parkplatzsuche und riskieren nicht ständig ein Knöllchen. Eine wichtige Rolle spielt für Petra Krause auch das Zentrum für Innovation in der Gesundheitswirtschaft OWL (ZIG). Es bringt unterschiedliche Akteur zusammen, greift Themen von Pflege bis zu Hilfsmitteln auf und schafft Verbindungen zu Forschung und Lehre.

Haltung gehört zum Beruf

Für Petra Krause endet die Verantwortung von Pflege nicht bei fachlicher Kompetenz. Pflegekräfte begegnen Menschen in besonders verletzlichen Situationen. Daraus erwächst für sie auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Für dieses Engagement erhielt Petra Krause 2026 den zweiten Platz beim Pflegepreis NRW in der Kategorie „Politische Haltung“. Die Pflegekammer NRW würdigte damit ihren Einsatz für demokratische Grundwerte sowie gegen Extremismus, Rassismus und Diskriminierung. Petra Krause gehört zu den Mitgründerinnen der Initiative „Pflege gegen Rechts“. „Haltung ist ja nicht nur eine Position, sondern daraus resultieren natürlich auch Aktivitäten“, macht sie deutlich. Pflege muss die Würde jedes Menschen schützen – vom frühgeborenen Baby bis zum Menschen in seiner letzten Lebensphase. Dazu gehört auch, Rassismus, Diskriminierung, sexuelle Übergriffe und Gewalt nicht hinzunehmen. „Pflege ist für mich immer auch eine gesellschaftliche Aufgabe – und wir tragen gemeinsam Verantwortung dafür, wie wir miteinander umgehen“, sagt Petra Krause.

Versorgung neu denken

weniger Grenzen zwischen den verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens. Nicht die Frage, welche Einrichtung oder welcher Sektor zuständig ist, sollte im Vordergrund stehen, sondern: Was braucht dieser Mensch gerade? Ein Modell, das sie dabei besonders interessiert, ist die Primärversorgung im Quartier. Was früher vielleicht Gemeindeschwester hieß, wird heute als Community Health Nursing diskutiert: qualifizierte Pflegefachpersonen, die Menschen zu Hause oder im Stadtteil aufsuchen, ihren Unterstützungsbedarf einschätzen und Versorgung mitorganisieren. Auch wohnungslose Menschen könnten so besser erreicht werden. Petra Krause würde sich wünschen, dass auch Bielefeld diesen Weg geht: „Denn keine Gesellschaft wird jemals ohne Pflege auskommen.“

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